Die Volkstracht spielte früher und spielt auch noch heute eine wesentliche symbolische Rolle bei der Erhaltung nationaler Werte und des kulturellen Erbes. Heutzutage werden die Volkstrachten zu festlichen Anlässen persönlicher oder nationaler Art getragen. Die Trachten lassen nicht nur den sozialen Status erkennen, sie weisen auch die Ursprünge und Traditionen der bestimmten Region Lettlands auf. 

Für die lettische Volkstracht lassen sich zwei historische Perioden unterscheiden.Die erste geht auf das 7. bis 13. Jahrhundert zurück und ist auch als Zeit der „altertümlichen Kleidung“ bekannt. Die zweite umfasst das 18. und 19. Jahrhundert und wird oft als „ethnische“ oder „ethnografische Kleidung“ genannt. 

Die altertümliche lettische Tracht (7.–13.Jahrhundert)

Die Zeit der altertümlichen Tracht ist durch den Gebrauch von Bronze – Ringe, Spiralen und Broschen - bekannt. In dieser Zeit wurde Männer- und Frauenkleidung aus dem in der Region angebauten Flachs und Wolle angefertigt, während das Schuhwerk und die Kopfbedeckungen meistens aus dem Fell und Leder der Viehhaltung oder von wilden Tieren stammte. Die Stoffe wurden in der Leinenbindung oder Köperbindung gefertigt. Die meisten Kleidungsstücke wurden lokal angefertigt, die Handelsstraßen nach Skandinavien, Russland und sogar dem Nahen Osten sorgten aber für den Schmuck.

Wussten Sie schon? Die Kleidung hatte damals keine Taschen, deshalb war ein Gürtel oder eine Schärpe einer der wichtigsten Accessoires. Diese halfen nicht nur, die Kleidung zusammenzuhalten, sondern wurden auch dazu verwendet, um Alltagsgegenstände wie Geldbeutel, Schlüssel oder sogar ein Messer oder einen Wasserbehälter daran zu befestigen.

Die ethnische lettische Tracht (18.–19.Jahrhundert)

In der traditionellen lettischen Kleidung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein starker deutscher Einfluss zu sehen. Unter der deutschen Herrschaft verschwand die Tradition der Verzierung der Kleidung mit Bronze. Es verschwanden allmählich die nadelgebundenen Gegenstände, es entwickelte sich die Tradition von gestrickten  Fäustlingen, Handschuhen und Strümpfen, in deren  Farben und Verzierungen die jeweiligen regionalen Unterschiede widerspiegelten.

Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert (Johann Christoff Brotze 1742-1823) bestätigen, dass die meistgebrauchten Farben in der Kleidung der lettischen Landleute das Naturweiß und Grau waren. Die Kleidung der meisten Letten war naturgrau, die mit jahrhundertealtem Vier-Farben-Muster - Blau, Rot, Gelb und Grün - geschmückt wurde.

Um die Wende zum 19. Jahrhundert trugen die Männer schlichte Mäntel, die meistens in naturgrauer Farbe waren und mit einem roten, grünen oder blauen Band dekoriert wurden. Im Sommer wurden Übermäntel aus Leinen getragen, im Winter aber waren es lange selbstgewobene Woll- oder Pelzmäntel. Männerkleidung in dunkelblauer, brauner oder schwarzer Farbe kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, als industriell hergestellte Stoffe für die festliche Kleidung verwendet wurden. Die Männer trugen auch Westen, aber nur zu besonderen Anlässen.

Die Frauen bevorzugten immer noch Leinenblusen. Der sichtbare obere Teil war aus feinstem Leinen gefertigt, während der unter dem Rock verborgene Teil aus grobem Stoff gefertigt war. Zur Bedeckung der Bluse trugen die Frauen lange Röcke, Mäntel in verschiedener Länge und ebenso wollene Schultertücher. Der Lieblingsschmuck der lettischen Frauen war die Silberbrosche, die mit fingerhutartigen Bläschen und/oder roten Glaskügelchen oder Perlen verziert war. Die Broschen wurden zur Befestigung des Schultertuchs vor der Brust getragen. 

Wussten Sie schon? Fausthandschuhe wurden üblicherweise als Geschenk gegeben, vor allem bei Hochzeiten und auch bei Beerdigungen. Selbst im Sommer trugen die Männer zu festlichen Trachten verzierte Fausthandschuhe als einen wesentlichen Bestandteil ihres Erscheinungsbildes, meistens hinter dem Gürtel gesteckt.

 

Regionale Unterschiede

In Lettland gibt es fünf verschiedene Regionen mit ihren eigenen spezifischen Traditionen, die sich auch in der Mundart und Trachtenkultur widerspiegeln. Diese Regionen sind Vidzeme, Kurzeme, Zemgale, Sēlija und Latgale. Die regionalen Grenzen wurden nie streng markiert und ein gewisser kultureller Austausch hat immer stattgefunden. Die meisten Unterschiede zwischen den Regionen sind am besten in den Frauentrachten zu sehen, wie z. B. in Farben, unterschiedlichen Schnitten, Kompositionen und Stickereien. Ebenso ist auch die Ausschmückung mit Tüchern, Fausthandschuhen, Strümpfen und Gürteln von Region zu Region unterschiedlich.  

Die Trachten von Vidzeme

Der Rock war das prächtigste Kleidungsstück bei den Frauentrachten von Vidzeme. Er war vielfarbig und existierte in vielen verschiedenen Variationen. Die Streifen waren für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts charakteristisch, während der Karomuster in der zweiten Hälfte populär wurde. Als die Streifen dominierten, schmückten sie sogar die Hosen und Westen der Männer. Die weißen wollenen Umhängetücher waren reichlich verziert und reichten fast bis zu den Waden der Trägerin. Die weißen festlichen Tücher wurden mit Silberbroschen festgehalten, während die Umhängetücher und Schals nie mit einer Nadel befestigt wurden. In ganz  Vidzeme bedeckten die verheirateten Frauen ihren Kopf mit turmförmigen Hauben, die meistens aus weißem Leinen waren und manchmal mit einem Seidenschal gebunden wurden.

Kurzeme region dress

Die Trachten von Kurzeme spiegeln nicht nur die Traditionen der Letten und Liven (einheimische Bevölkerung) sondern auch die der nächsten Nachbarn – Litauer, Esten und Polen – wider.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten die Trachten von Kurzeme radikale Veränderungen. Dann kamen die grellen chemisch erzeugten  Farben auf. Zuerst tauchten im Norden und Osten von Kurzeme die grellen Streifen auf, die im Südwesten in farbenfrohem Rot waren. Ein charakteristisches Kennzeichen der grellen einfarbigen Röcke war der verzierte untere Saum, der manchmal von einer ganzen Palette von unterschiedlichen Farben bestand. In manchen Teilen von Kurzeme trugen Männer und Frauen Bronzegürtel, während in der Küstengegend die Kleidung kleine Bernsteinbroschen und Perlenschüren aus Bernsteinstücken zierten. Mehr als in anderen Regionen, enthalten die Trachten von Kurzeme industriell gefertigte Textilien und Bekleidungszubehör wie Seide, Samt, Brokat, auch Glas und Metall.

Die Trachten von Zemgale

Hier zeigen sich überhaupt keine Ähnlichkeiten mit der benachbarten litauischen Bekleidung, was für eine Grenzregion untypisch ist. Die Volkstracht von Zemgale hat eher Züge der finno-ugrischen Traditionen, vor allem in den frühesten Beispielen ihrer Kleidungsstücke. In dieser Region findet man einen ganz eigenen Stil mit vertikalen schussfaden-gemusterten Streifen. Hier ist das Rosenmotiv sehr verbreite, das von Zickzack-, Rauten- und Dreiecksmotiven gefolgt wird. Hier findet man auch ein breites gewobenes Umhängetuch, welches über dem Rock getragen wird. Das Tuch ist mit einem Muster von abwechselnd erscheinenden roten Sonnen und Kreuzen auf weißem Hintergrund geschmückt und wird mit einem dünnen Streifen von Blau oder Grün entlang der Mittellinie vollendet.

Die Trachten von Sēlija (Augšzeme)

Hier gibt es viele Ähnlichkeiten zu den litauischen Trachten. Das  wichtigste Kleidungsstück ist das Leinenhemd, das uniformartig mit eingenähten Schulterstücken geschnitten ist. Diese Besonderheit geht auf eine ganz alte Tradition zurück, die sonst nirgendwo im Baltikum bekannt ist. Der typische Sēlija-Rock hat vertikale Streifen mit winzigen Verzierungen oder Batikgarn. Andere Muster beinhalten Fischgrätmotive, Zickzackmuster oder zweifarbige Garne. Unter den Trachten von Sēlija findet man auch Röcke, die großgestreift oder kariert sind, sowie kunstvolle weiße Wolltücher, die am Saum reichlich verziert sind.

Die Trachten von Latgale

Die Volkstrachten von Latgale weisen die meisten internationalen Einflüsse (durch die Esten, Russen, Weißrussen, Selonen und Litauer) auf. Die Röcke sind meistens weiß mit rotgemusterter Einfassung am unteren Saum. Im Süden hatten die uniformartigen Leinenhemden einen eher traditionellen Schnitt, manchmal mit einem ganz schmalen rotdekorierten Schulterstück. Der Rock hatte vertikale Streifen in naturgefärbten, aber grellen Farben. Die weißen wollenen Umhängetücher dieser Region von Lettland unterscheiden sich durch ihre Größe und reichlich gestickten Verzierungen in dunkelblauer, gelber, grüner und roter Farbe.

Für ganz Latgale war der intensive Gebrauch von Leinen charakteristisch. Solche Kleidungsstücke wie Umhängetücher und Röcke wurden für die festliche Sommerkleidung oft aus Leinen gefertigt. Latgale war die Region, wo industriell gefertigte Kleidung von der Landbevölkerung selten getragen wurde, da alle Kleidungsstücke meistens daheim selbst angefertigt wurden. In Latgale waren Bastschuhe aus der Rinde des Lindenbaums oder aus Wergfasern populärer als in anderen Regionen. 

Die lettischen Volkstrachten heute

Heute kann man sowohl die ethnografischen als auch die altertümlichen Trachten Lettlands finden, die zu verschiedenen Ereignissen getragen werden. Eine große Sammlung von ethnografischen und altertümlichen Trachten und deren Nachbildungen kann man in der Sammlung des Lettischen Geschichtsmuseums (Latvian National History Museum) finden. Die meisten traditionellen Volkstrachten pro Quadratmeter kann man während des nationalen Sänger- und Tanzfestes beobachten. Wenn Sie aber nach einer Möglichkeit Ausschau halten, die Volkstrachten in Bewegung zu sehen, dann sollen Sie den Auftritt einer lokalen lettischen Tanzgruppe, eines Chores oder einer Volksmusikgruppe finden.

Die nationale Volkstracht ist heute Ausdruck des Schönheitssinnes der Nation, die über ihre Fähigkeit Muster zu bilden und Farben zusammenzufügen erzählt, sowie das Wissen über dieses Handwerk vermittelt. Sie symbolisiert historische Werte und jahrhundertealte Traditionen der Herstellung und des Tragens von Kleidung,  die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. 

Weitere Quellen: